Digitaler Tachograph
10.11.2016 | Oliver Jesgulke

Lkw-Maut in Europa – unterwegs mit On-Board Unit

Jetzt geht es um die On-Board Unit – im zweiten Teil unserer großen Übersicht über die europäischen Mautsysteme. Fast in ganz Europa werden inzwischen die Straßennutzer an der Finanzierung der Infrastruktur beteiligt. Doch wie genau können Lkw-Fahrer in welchem Land die Maut zahlen?  

Im vorherigen Beitrag haben wir die Länder mit Vignette vorgestellt. Im zweiten Teil geht es um Mautsysteme, in denen mittels Fahrzeuggerät die Maut erhoben wird. Dies heißt dann „streckenbezogene Lkw-Maut“. Die Höhe der Maut berechnet sich anhand der gefahrenen Strecke auf mautpflichtigen Straßen. Diese gefahrene Strecke wird dann mit dem Faktor Mautsatz multipliziert, welcher sich aus Emissionsklasse, Achszahl sowie Gewicht und Größe des Fahrzeugs zusammensetzen kann.

Zwei Erfassungssysteme für die streckenbezogene Maut

In vielen europäischen Ländern wird die streckenbezogene Maut heute automatisch durch elektronische Systeme erhoben. Neben satellitengestützten Systemen mittels GNSS (Global Navigation Satellite System) wie bei der Mauterhebung in Deutschland, kommen mikrowellengestützte Systeme mittels DSRC (Dedicated Short Range Communication) zum Einsatz, um Lkw auf mautpflichtigen Strecken eindeutig zu ermitteln. Beide Systeme arbeiten für gewöhnlich mit einer in der Fahrerkabine installierten On-Board Unit (OBU). Diese übermittelt automatisch Fahrzeugdaten an den jeweils zuständigen Mautbetreiber. Die zurückgelegten Kilometer werden mit einer Genauigkeit von bis zu einem Meter erfasst und mit dem Mautsatz multipliziert.

Grafik_Funktionsweise

Toll2Go ist der gemeinsame Mautservice von Toll Collect und Asfinag.

Meist sind die Mautsysteme der einzelnen Länder nicht kompatibel zueinander und können Daten nur mit der jeweils systemeigenen On-Board Unit austauschen. So muss ein Lkw-Fahrer für eine Fahrt von der iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien mehrere Fahrzeuggeräte mitführen und bedienen können, die häufig noch einen eigenen Vertrag für einen bestimmten Betreiber verlangen. Eine europaweit einheitliche OBU gibt es momentan nicht. Einzelne Tankkartenanbieter bieten jedoch DSRC-Fahrzeuggeräte an, die in mehreren Ländern eingesetzt werden können. Mit TOLL2GO gibt es seit September 2011 den ersten Mautservice zwischen einem GNSS-Mautsystem (Deutschland) und einem DSRC-Mautsystem (Österreich). Lkw-Fahrer mit einer Toll Collect-OBU haben hierdurch die Möglichkeit, mit nur einer OBU sowohl in Österreich als auch in Deutschland die Maut automatisch erfassen zu lassen. Mit GO International (zwischen Österreich, Norwegen, Dänemark und Schweden) gibt es zudem eine weitere länderübergreifende Lösung für DSRC-Systeme, mit der man sozusagen im „Vorbeirollen“ die Maut bezahlen kann.

In diesen Ländern ist die On-Board Unit im Einsatz

Belgien

Belgien ist das neueste Mitglied im Club der elektronisch Maut erhebenden Länder. Hier wird seit April 2016 für das mautpflichtige Streckennetz der Regionen Flandern, Wallonie und Brüssel über das satellitengestützte Mautsystem „Viapass“ auf ca. 6.900 Kilometer die Lkw-Maut erhoben. Dazu müssen alle mautpflichtigen Fahrzeuge mit einer On-Board Unit ausgestattet und beim Mautbetreiber registriert sein. 40 feste Kontrollbrücken mit Kamerasystemen an den Hauptverkehrsachsen, 22 mobile Kamerastative, die ihre Standorte alle vier Stunden wechseln, sowie 40 Kontrollfahrzeuge mit Beamten überwachen das. Letztere sind befugt, Fahrer anzuhalten und Verstöße mit 1.000 Euro zu ahnden.

Frankreich

Über 9.000 Kilometer Autobahn sowie zahlreiche Brücken und Tunnel sind in Frankreich für Lkw mautpflichtig. Gezahlt werden die Mautgebühren an den Mautstellen – den sogenannten „Péages“. An diesen gibt es unterschiedliche Fahrspuren. Die Spuren mit der Kennzeichnung ‚T‘ oder ‚ Télépéage‘ sind nur für Fernfahrer bestimmt. Über das System „TIS PL“ – kurz für Télépéage Inter-Sociétés Poids Lourds – werden die Mautgebühren mittels der OBU ermittelt und abgebucht. Die Technik dazu basiert auf der Mikrowellentechnologie DSRC.

Polen

Seit Mitte 2011 gilt hier das elektronische Mautsystem „viaTOLL“ für Lkw auf mittlerweile über 3.000 Kilometer. Dazu müssen die Fahrzeuge bei Fahrten auf mautpflichtigen Autobahnen sowie Schnell- und Bundesstraßen über eine OBU verfügen. Die Mauterfassung basiert dabei auf einem System, bei dem die Erfassungsgeräte mit den Mautbrücken via DSRC-Mikrowellentechnologie kommunizieren.

Portugal und Spanien

Auf den portugiesischen Autobahnen gibt es bereits seit 1991 eine Mautpflicht für alle Fahrzeuge. Die Gebühr ist abhängig von dem Typ, der Achsanzahl und der Höhe des Fahrzeugs – gemessen an der ersten Achse. Sie kann automatisch über die OBU „ViaVerde“ beglichen werden. Auch auf den spanischen „Autopistas“ gilt eine Mautpflicht für alle Fahrzeuge. Dazu ist in beiden Ländern flächendeckend die DSRC-Mikrowellentechnologie im Einsatz.

 

Trends in der Lkw-Maut

So wird in Europa Lkw-Maut erhoben.

Österreich und Italien

Viele kennen das „Pickerl“ vom Skiurlaub. Lkw-Fahrer hingegen müssen in Österreich keine Vignetten kaufen. Denn für alle Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen wird in dem Alpenstaat eine streckenbezogene Maut erhoben – über die On-Board Unit „Go-Box“, die mit DSRC-Mikrowellentechnologie ausgestattet ist. In Italien ist das rund 6.600 Kilometer lange Autobahnnetz für Lkw über 3,5 Tonnen mautpflichtig. Ähnlich wie in Frankreich werden die Mautgebühren an den Mautstellen (auch Toll Plaza genannt) entrichtet  Auf den meisten mautpflichtigen Strecken in Italien wird hierbei die Maut mittels des DSRC-basierten Telepass-Systems erhoben und abgerechnet. Das Netz umfasst rund 6.000 Kilometer Streckenlänge.

Slowakei und Tschechien

In der Slowakei sind insgesamt 2.500 Kilometer Autobahn und Schnellstraßen für alle Lkw mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen mautpflichtig. Die OBU bucht die Mautgebühren automatisch ab. Das Mautsystem heißt „MYTO“ und basiert auf der satellitengestützten GNSS -Technologie. Auch in Tschechien sind alle Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen mautpflichtig. Das tschechische Pendant zum slowakischen Nachbarn lautet „MYTO CZ“. Die Mauterhebung erfolgt mittels der OBU „premid“ auf Basis eines mikrowellengestützten DSRC Systems, ähnlich dem österreichischen System.

Slowenien und Ungarn

Für die Nutzung von Autobahnen erhebt Slowenien für Lkw eine streckenabhängige Mautgebühr. Lkw-Fahrer begleichen die Maut entweder an den jeweiligen Mautstationen oder im Abbuchungsverfahren über ein Fahrzeuggerät. In Ungarn folgte dem Vignettensystem im Juli 2013 eine streckenabhängige Lkw-Maut mit dem GNSS-System „HU-GO“ für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen. Dieses gilt auf rund 6.500 Kilometer Strecke, aufgeteilt auf Autobahnen, Schnell- und Nationalstraßen.

Schweiz, Russland und Weißrussland

Die Lkw-Maut wird auch außerhalb der EU in einigen Ländern fällig. Die Schweiz beispielsweise erhebt für die Straßennutzung auf alle Lkw mit einem Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen die „Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe“ – kurz LSVA. Dabei wird die gefahrene Strecke mittels GNSS-Technologie sowie eines Tachometerabgriffs erfasst.

In Russland gilt die landesweite Maut „Platon“ für Lkw über zwölf Tonnen zulässigem Gesamtgewicht auf über 50.000 Kilometer Straße. Die Abrechnung der Gebühr für das entfernungsabhängige Mautsystem erfolgt auf elektronischer Basis mit Hilfe einer On-Board Unit. Die streckenbezogene Lkw-Maut in Weißrussland gilt dagegen bereits für Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen. Die Maut für das rund 1.200 Kilometer lange Streckennetz wird ausschließlich über das auf Mikrowellentechnologie basierende Mautsystem „BelToll“ mit einer OBU erfasst.

Zukunft: Maut ohne Grenzen?

Mit einer On-Board Unit quer durch Europa? Bislang ist das noch Zukunftsmusik

Mit einer On-Board Unit quer durch Europa? Bislang ist das noch Zukunftsmusik

Nach Plänen der europäischen Kommission kann die mobile Zukunft für die Lkw-Maut in Europa wie folgt aussehen: Egal, ob Lkw-Fahrer auf der hiesigen Autobahn oder in Frankreich, Spanien oder Litauen unterwegs sind – überall gilt eine einheitliche Maut und sie wird auch in gleichem Verfahren erhoben. Die Höhe der Nutzungsgebühr soll dann auf Basis der tatsächlich gefahrenen Kilometer via OBU berechnet werden. Doch ob tatsächlich und wann genau das europäische Abrechnungssystem für alle mautpflichtigen Infrastrukturen wie Autobahnen, Tunnel und Brücken kommt, ist noch offen.

Mit dem Standard „European Electronic Toll Service“ soll jedenfalls die Entrichtung von Mautgebühren in der Gemeinschaft vereinfacht werden. Der Fernfahrer muss dann nur mit einem Vertrag und einem Bordgerät durch alle EU-Länder touren. Mit TOLL2GO ist es bereits gelungen, das satellitengestützte Mautsystem in Deutschland mit dem auf Mikrowellen basierenden System in Österreich, jedoch mit jeweils einem Vertrag, zu verbinden. So braucht der Lkw-Fahrer auf deutschen und österreichischen Straßen ein einziges Fahrzeuggerät. Allein über 100.000 Fahrer nutzten bereits bis Mitte 2016 die Möglichkeit. Damit ist TOLL2GO derzeit das größte grenzüberschreitende Mautprojekt Europas. Ein Anfang ist also gemacht.

 

Kommentare (3)

Zuber
26.02.2017 09:54

Hoch lebe der Dinosaurier EU. Hier werden altgediente ausrangierte Politiker geparkt für sehr viel Geld. Die sich dann um das Brandverhalten von Damenunterwäsche und den Krümmungsgrad von Saltatgurken beschäftigen. Ist ja auch bestimmt sehr wichtig.

Da man den Beruf Politiker nicht erlernen kann sitzen ERGO ein Haufen von Hilfsarbeitern in Straßburg und Brüssel und vertreiben sich so die Zeit bis zu ihrem Ableben und auch noch Großzügig versorgt.
Warum bekommen diese Hilfsarbeiter es nicht hin ein Europäisches System einzusetzen das in jedem Land der EU funktioniert? Die Verteilung der Maut auf die jeweiligen Länder ist ja wohl einfach.
Nur leider ist das Wunschdenken einen Kraftfahrers. Mit dieser Aufgabe sind die Herren doch überfordert.

Christian Grub
15.10.2021 08:54

Guten Morgen,

ich bin auf der Suche nach einer OBU für Frankreich.
Diese soll allerdings ohne montalicher Gebühr sein!
Können sie mir hier weiterhelfen?
Danke

Mit greundlichem Gruß

Jana Mollenhauer
01.11.2021 17:26

Hallo Herr Grub,
ein Mautgerät für Frankreich stellt Toll Collect nicht zur Verfügung. Mit unserer On-Board Unit können Sie in Deutschland und Österreich die Maut erheben lassen.
Wir empfehlen Ihnen, sich im Internet über die möglichen Mautgeräte in Frankreich zu informieren. Spezifische Informationen liegen uns dazu nicht vor.
Mit freundlichen Grüßen
Jana Mollenhauer